Deutschunterricht als Geschenk für die Integration

BORK Udo Herrmann fragt seine acht Schüler, welche Wörter mit V sie kennen. Manchmal muss er nachhaken, weil einer seiner Schüler – Jugendliche und Erwachsene – zu leise spricht oder falsch betont. Udo Herrmann ist ehrenamtlicher Sprachlehrer bei den Schicksalshelfern. Seine Klasse: Flüchtlinge. Wie geht es dort zu?

Ein klassischer Mittwochnachmittag im Otantik, dem internationalen Treffpunkt in Bork: Vorne im Laden gehen Leute aller Hautfarben ein und aus. Ein paar Schritte weiter unterhalten sich Menschen aus aller Welt und Deutsche auf Sofas. Kinder spielen dazwischen, schauen in deutsche Kinderbücher.

5714918_1_0528se_20Sprachkurs_20Fl_C3_BCchtlinge_20Schicksalshelfer_2011

Offen, unverbindlich

Hinter einem weißen Vorhang hinten in der ehemaligen Gaststätte wird gearbeitet. Deutschunterricht: offen, unverbindlich, 15 Stunden in der Woche von Pädagogen für Menschen, die sich integrieren wollen. Flüchtlingen, die wissen, dass nichts wichtiger ist als die Sprache des Landes zu sprechen, in das sie geflohen sind. Jugendliche und Erwachsene sitzen hier an den in einem großen U zusammengestellten Tischen. Ein Möbelhaus hatte sie gespendet.

Mitten im Raum steht Udo Herrmann. Er ist seit 2012 in Pension. Vorher leitete er jahrzehntelang die Grundschule am Am Heikenberg in Alstedde. Seit etwa drei Monaten unterrichtet er hier. Ehrenamtlich, vier bis fünf Stunden in der Woche. „Jeder, der die Nachrichten über das Geschehen in der Welt verfolgt, sollte seine Rolle überdenken“, sagt er

5714913_1_0528se_20Sprachkurs_20Fl_C3_BCchtlinge_20Schicksalshelfer_2020

 Mit Deutschunterricht helfen

„Ich habe für mich daraus gefolgert, dass ich mit Deutschunterricht helfen möchte.“ Er überlegte, ob er das ganz fest als zertifizierter Sprachlehrer für Integrationskurse gegen Honorar tut, oder frei, ehrenamtlich, nicht ganz lose nach dem Prinzip „kommst du heute nicht, kommst du morgen“, aber wenn er verreisen möchte, fällt eben mal zwei Wochen sein Unterricht aus. Er entschied sich fürs Ehrenamt.

Erdal Macit springt dann ein. Der Lehrer der Lüner Osterfeldgrundschule übernimmt selbst zehn Stunden pro Woche. Gemeinsam kommen sie auf 15 Stunden. Andrea Kirchhoff aus Bork betreut zweimal wöchentlich die Kinder derer, die im Unterricht sind – damit sie in Ruhe lernen können.

5714926_1_0528se_20Sprachkurs_20Fl_C3_BCchtlinge_20Schicksalshelfer_203

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Macit macht das schon seit längerer Zeit: Er hat Kurse mit unbegleiteten Minderjährigen, die jeden Tag herkommen. Und er hat Kurse mit Erwachsenen. Erdal Macit selbst kam erst vor einigen Jahren nach Deutschland. Er spricht inzwischen richtig gutes Deutsch und arbeitet und arbeitet und arbeitet heute für die, die diesen Weg jetzt vor sich haben.

Er und seine Frau Figan Ucar-Macit engagierten sich früh, organisierten sich über Facebook als „Schicksalshelfer“, sind inzwischen ein eingetragener Verein, haben inzwischen ein Lokal – das Otantik. Sie eckten auch schon mal an bei anderen Flüchtlingshelfer-Gruppen. Aber sie haben inzwischen einen festen, einen engen, einen fleißigen Freundeskreis. Die Schicksalshelfer stehen für schnelle, unbürokratische Hilfe.

Zeit ist endlich

Sie bewegen viel, aber auch ihre Zeit ist irgendwann endlich. Und der Bedarf an Hilfe bleibt groß: Was, wenn in den kommenden Monaten die Zahl der Zuweisungen in Selm stark steigt? Wenn die Notunterkunft schließt? Die Schicksalshelfer halfen in der großen Flüchtlingsbewegung im vergangenen Jahr eher in der Nothilfe: Sie bauten mit an einer Kleiderkammer für die Notunterkunft. Die Aufgaben verschoben sich: Jetzt, wo der Zustrom weitgehend ruht, weil Flüchtlingswege durch Europa durch neue Grenzen abgeschnitten wurden, geht es darum, denen bei der Integration zu helfen, die hier sind.

Wörter mit V: Die Tafel ist voll. Die Gruppe liest noch einmal laut vor. Dann geht es in den schriftlichen Teil: Fragewörter. Per Beamer zeigt Udo Herrmann, was Wer, Was, Wie, Wo und Wann bedeuten. Wann man sie einsetzt. Wo sie hingehören. Wie man Sätze mit ihnen bildet. Die Schüler schreiben die Sätze ab. Besonders schnell ist ein Junge aus dem Irak, etwa 15 Jahre alt.

 

 

 

Abitur und Uni

Er geht regulär zur Hauptschule in Bork. Er kann schon viel. Sie wie Salma (17), ein Mädchen, das mit seiner Mutter kommt. Salma geht an die Tafel und redet schüchtern, leise. Aber viel. „Sie ist hochbegabt“, meint Udo Herrmann. „Wir müssen sie weitervermitteln. Vielleicht kann sie Abitur machen und an die Uni gehen.“

Sprachkurse – es gibt sie als offizielle Integrationskurse vom Bundesministerium. Da sind sie eine Garantie für Menschen, die eine Anerkennung haben, einen sogenannten Aufenthaltstitel: Wer ihn hat, hat einen gesetzlichen Anspruch auf einen solchen. Es geht um Sprache, es geht um Orientierung, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Das neue Integrationsgesetz, das die Koalition diese Woche festzurrte und das nun gesetzlich verabschiedet werden soll, soll den Weg frei machen zu einem größeren Angebot. Denn es soll ja fördern – und zeitgleich fordern. Jeder, der hier Asyl will, soll sich auch integrieren.

Lernen für das Zertifikat

Dann gibt es die Zertifikatskurse: Das sind Sprachkurse, oft angeboten an Volkshochschulen, auch zum Beispiel Englisch, Französisch, Spanisch. Es gibt hier auch Deutschkurse, immer zu festen Zeiten. Der Teilnehmer zahlt Teilnahmebeiträge. Sie enden mit Prüfungen und dem Zertifikat in verschiedenen Stufen von A1 bis C2 – festgelegte, europaweit anerkannte Level. Die Lehrer, die hier eingesetzt werden, bekommen dafür Honorar.

Die Sprachkurse, die es in Bork gibt, sind nichts davon. Sie kosten für die Teilnehmer nichts, keinen Cent. Nur Mühe, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit. Die Lehrer verdienen nichts. Ihr Lohn ist die Anerkennung und der Dank der Menschen, die die Kurse besuchen. Manchmal werden Ehrenamtliche ausgezeichnet: Sie gewinnen Preise oder bekommen Ehrennadeln der Kommunen, aus denen sie kommen. Es ist ein kleiner Dank für eine große Leistung – für die Arbeit mit den Menschen.

Freude an Fortschritten

Warum machen Sie das? Das fragen wir Udo Herrmann. Er lernte Erdal Macit kennen, er sah sich in der Rolle, helfen zu können. Er will den Geflüchteten die Chance geben, hier anzukommen. Udo Herrmann ist geduldig. Er fordert die Flüchtlinge. „Prima“, sagt er oft, wenn jemand auf seine Frage etwas Richtiges antwortet. Er hat Freude daran, ihre Fortschritte zu sehen.

Wer helfen möchte wie Udo Herrmann, hat viele Möglichkeiten. Eine ist, sich mit den Schicksalshelfern in Verbindung zu setzen. Entweder, man besucht sie einfach mal in ihrem Laden in Bork (Hauptstraße 36, im Ecklokal neben der Sparkasse) oder kontaktiert sie über ihre Homepage.

Deutschunterricht Als Geschenk für die Integration

Tobias Weckenbrock

Ruhr Nachrichten

28.Mai 2016

Schreibe einen Kommentar